100 Jahre BMW-Group Teil 2

Vielleicht erinnern sie sich, liebe Leser, dass wir bereits kürzlich über die Feierlichkeiten der BMW-Group anlässlich ihres 100. Geburtstages berichtet hatten. Bei den Events in München und Peking wurde das Konzept BMW Vision Next 100 vorgestellt um einen Ausblick darauf zu geben, wie sich der Konzern in Zukunft positionieren will und welche großen Entwicklungen er in Design und Technik antizipiert.
Der nächste Teil der Feierlichkeiten führt uns nun nach London, wo Mitte Juni der nächste Konzernteil seine ganz eigenen Ideen der Öffentlichkeit präsentieren durfte: Der englische Gigant Rolls-Royce, bekannt für seine unvergleichlich edlen Karossen. Auch die tendenziell konservativen Briten mit dem unangefochten besten Gespür für Luxus und Klasse unter allen Automobilherstellern haben sich in Futurismus gewagt und teilen ihre Visionen und Überzeugungen in Form des Rolls-Royce VISION NEXT 100 mit der Welt der Normalsterblichen.

Überdies markiert dieses Event auch einen besonderen Zeitpunkt in der eigenen Firmengeschichte: Das Produktionsende für den Rolls-Royce Phantom der siebten Generation, für viele das großartigste Auto auf dem Planeten. Der erste Abschnitt des firmeninternen Erneuerungsprozesses, ausgelöst durch die Übernahme durch die BMW Group, ist damit abgeschlossen. Der Erfolg der Modellreihen Phantom, Ghost, Wraith und Dawn soll als ein Meilenstein die Grundlage für den weiteren Erfolg und die Entwicklung der Marke in der Zukunft stehen.

Der Rolls-Royce VISION NEXT 100 – Eine wertekonservative Zukunftskutsche

Luxus – das unangefochtene, zentrale Kernthema bei Rolls-Royce und natürlich die allererste Überlegung, wenn es um die Planung des zukünftigen Firmenprofils geht. Wie sieht Luxus in der Zukunft, in den kommenden hundert Jahren aus? Welche Ansprüche und Bedürfnisse der Kunden wollen erfüllt werden, wie lassen sie sich umsetzen, was sehen wir als Unternehmen darin? Diese Fragen zu beantworten ist der erste und vielleicht wichtigste Schritt.
Eines lässt sich auf jeden Fall sagen: Autofahren soll und darf bei Rolls-Royce niemals zu einem Mittel zum Zweck verkommen. Eine Reduktion auf den bloßen Transport von A nach B widerspricht den firmeneigenen Idealen. Luxus bedeutet hier einen Selbstzweck, ein höchst persönliches Fahrerlebnis, ganz den eigenen Wünschen und Träumen entsprechend. Daran soll sich auch in den nächsten hundert Jahren nichts ändern.

Aber wie könnte der Rolls-Royce der Zukunft denn nun aussehen? Ganz so wie es der Kunde will. Eine handgefertigte Karosserie aus den hochwertigsten Materialien, mit einem komplett abgasfreien Antrieb, das sind die Mindestansprüche. Dabei sollen aber Größe, Form und Farbe immer individuell an die Wünsche des Kunden angepasst werden. Der Kunde der Zukunft wird noch deutlich stärker in den Produktionsprozess miteinbezogen und sehr klare Ansagen machen dürfen, jeder Rolls-Royce soll ein maßgeschneidertes Unikat sein. Die Zukunft liegt dabei aber zum Teil auch in der Vergangenheit, in den Beispielen der ersten handgefertigten Luxuskarossen Anfang des 20. Jahrhunderts, nun bereichert um die technologischen Möglichkeiten der Moderne.

Bei dem Rolls-Royce VISION NEXT 100 ist vor allem die persönliche Fantasie des Designteams von RR eingeflossen und hat eine futuristische Vision für die Zukunft entwickelt. Das Team unter der Führung von Giles Taylor hat einen Versuch gewagt sich in die Kunden der Zukunft hineinzuversetzen und ihre Ansprüche noch vor den Kunden selber zu erkennen, um so ein Fahrzeug zu kreieren, welches sich dem Besitzer anpasst und sein Leben in jeder Hinsicht bereichert.

Wie die Verschmelzung aus Firmentradition und Moderne aussehen kann, zeigt sich beim VISION NEXT 100 unter anderem an dem Beispiel von Eleanor Thornton, besser bekannt als das Model für den Spirit of Ecstasy, die ikonische Kühlerfigur aller Rolls-Royce Modelle. Der Rolls-Royce VISION NEXT 100 ist durchzogen von ihrem Geist, leitet und lenkt sie doch als künstliche Intelligenz in der elektronischen Schaltzentrale alle wichtigen Funktionen und Prozesse in dem Fahrzeug. Ein virtueller Assistent und ein Chauffeur zugleich, vernetzt sie alle Aspekte der digitalen Leben ihrer Besitzer und verwaltet so Termine, legt verschiedene Wahlmöglichkeiten offen und plant weitsichtig voraus.

Luxus bedeutet stets auch Komfort, und dieser Komfort ist das Handwerk von Eleanor. Ihre Aufgabe ist es, den Besitzern und Gästen jegliche Arbeit, alle Last von ihren Schultern abzunehmen. Eine anstrengungslose Reise, emissionsfrei, stressfrei, kraftvoll. Mit einem 12-Zylinder Verbrennungsmotor wird diese moderne Kutsche sicherlich nicht mehr angetrieben werden, welche Energiequellen die Zukunft aber genau bereithält, das will sich auch Rolls-Royce noch offenhalten.

Was das Interieur des Rolls-Royce VISION NEXT 100 angeht, hat Rolls-Royce als Beschreibung den bescheidenen Namen “The Grand Sanctuary“ ausgesucht, wobei sich Sanctuary wahlweise als Zufluchtsort, Refugium aber auch als Heiligtum oder heilige Stätte übersetzen lässt. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte, tatsächlich ist die Wunschklientel nämlich definitiv eine, die sich regelmäßig vor Trubel zurückziehen muss und möchte, Menschen die ihre Privatsphäre sehr zu schätzen und schützen wissen. Empfangen werden sie in ihrer persönlichen Zuflucht von erlesensten Materialien die von Hand in Form gebracht und in Szene gesetzt wurden. Einfache und elegante Muster aus sehr seltenem, tropischen Makassar-Ebenholz verzieren das Interieur, bilden eine Fassung für den OLED-Bildschirm und gehen eine Symbiose mit der elfenbeinfarbenen Sitzbank mit Seiden- und Wollbezug ein. Selbst die Füße der Passagiere ruhen sanft auf einem elfenbeinweißen in London gewobenen Wollteppich, welcher sich in dem mangels Fahrer besonders großen Innenraum des Fahrzeuges ausbreitet.

Eleanor richtet die Blicke der Passagiere auf den transparenten OLED-Bildschirm zurück, welcher ohne ein störendes Lenkrad im Blickfeld sich über die ganze Front erstreckt, ein Cockpit ist ohne Fahrer schließlich ebenso überflüssig. So werden alle Insassen zu Passagieren, die klassische Konnotation aus Arbeit und Autofahren wird strikt aufgetrennt. Autofahren wird zum Inbegriff von Luxus und Wohlbefinden.

Auch wenn es ums Äußere geht, lässt es sich Rolls-Royce nicht nehmen, nur Superlativen bei der Beschreibung des eigenen Werkes zu nutzen. Mit nichts geringerem als den Kutschen römischer Herrscher und den handgefertigten Privat- und Dienstfahrzeugen früherer und heutiger Monarchen soll sich das 5,9 Meter lange und 1,6 Meter hohe Zukunftsgefährt messen – und tatsächlich macht das auch Sinn, wenn man bedenkt, dass Rolls-Royce bereits heute diverse Königshäuser weltweit mit Luxuskarossen beliefert. Zentral platziert teilt eine Linie aus Metall, die sich vom Kühlergrill nach hinten zieht, das Auto in einen oberen und einen unteren Abschnitt und schwingt sich elegant um die Konturen. Der obere, abgetrennte Bereich zeichnet sich überwiegend durch die Nutzung von verdunkeltem Glas aus, wodurch den Passagieren ein freier Blick auf den so eher nächtlich anmutenden Himmel gewährt wird.

Der untere Teil des Fahrzeuges spricht erst recht die Sprache modernen Designs: Ein Chassis in seiden glänzendem Aquamarinblau spielt mit dem optischen Sinn des Betrachters und verzerrt und manipuliert die Maße und Dimensionen des Concept-Cars. Aus jedem Blickwinkel wirkt der Rolls-Royce mehr wie ein Naturphänomen, etwas Aquatisches, rollt über die Straßen wie eine Welle über das Wasser, selbst in komplettem Stillstand. An diesem Rolls-Royce ist nichts gewöhnlich und wird es auch in einhundert Jahren nicht sein. Die außerordentlich schmalen 28 Zoll Räder die aus 65 Aluminiumteilen handgefertigt wurden, der Kofferraum der sich automatisch öffnet und zwei eigens dafür angefertigte Koffer freigibt, die Silhouette die den RR-Fahrzeugen aus den 1920er Jahren nachempfunden wurde, die besondere Aerodynamik die sich aus dem einzigartigen Design ergibt. Vielleicht könnte man sagen der Rolls-Royce VISION NEXT 100 wirkt verloren zwischen den Zeiten, der Spagat der versucht wird, zwischen über 100 Jahren vergangener und 100 Jahren kommender Firmengeschichte, ist doch gewaltig, aber er fasziniert und regt zum Staunen an. Und nicht zuletzt soll noch einmal daran erinnert werden, dass es eine Idee ist. Ein Gedankenexperiment. Wenn der Betrachter staunt, hat sich der ganze Aufwand gelohnt.

Was also nehmen wir mit aus der Präsentation des Rolls-Royce Zukunftskonzepts?

An dem Selbstverständnis von Rolls-Royce ändert sich nichts und wird sich vermutlich auch nie etwas ändern. Ein Rolls-Royce soll immer die Kirsche auf der Sahnetorte darstellen, ein Fahrzeug an das nicht einmal wohlhabende Menschen ohne weiteres rankommen, reserviert für eine Handvoll Menschen an der Spitze. Der Tradition wird dabei natürlich auch gebührend Respekt gezollt, sie durchzieht das komplette Fahrzeug. So entsteht ein Rolls-Royce der erst einmal erstaunlich anders aussieht, am Ende aber doch irgendwie genau das was man erwartet.